´´Darfs ein bisserl mehr sein?´´

Seelenstrom

Geschrieben von Elisabeth am 11. Dezember 2010 22:41:50:

so eine immer wieder gehörte Frage von VerkäuferInnen an Fleisch- und Käsetheken an die KundInnen. Neuerdings gibt es - in anderem Zusammenhang - nun auch fast das äquivalente Gegenteil, das "Darfs ein bisserl weniger sein?" nämlich.
Das, was da ruhig ein bisserl weniger sein darf, das sind, ich habe es wirklich so gelesen, Todesopfer, virtuelle zwar, aber immerhin. Es gab auch ejnmal reale Todesopfer, und gar nicht so wenige, die beim Versuch, über die deutsche Grenze zu kommen, von Grenzbeamten erschossen wurden. Und das ist noch nicht gar so lange her, es gibt noch zahlreiche lebende Angehörige. Und nun hat das Computerspiel die Realität nach über 30 Jahren eingeholt und die Flüchtlinge von 1976 sind sozusagen abermals Freiwild für die spielwütigen Möchtegerngrenzsoldaten. Zugegebenermaßen war ich neugierig, als ich las, dass es sich dabei um ein Kunstprojekt handelt, und die Hochschule sich demonstrativ voll hinter den Studenten stellt, der dies entwickelt hat, der Professor dazu gar Folgendes von sich gab: "Man spricht hier von einer dramaturgischen Voreiligkeit: Der Spieler glaubt, beim Schießen auf Flüchtlinge Punkte zu machen, gehört dann aber nicht wie erwartet zu den Gewinnern." Professor Michael Bielicky, der den Fachbereich Medienkunst leitet, ergänzt: "Diese Arbeit ist ein Kunstprojekt, und die Kunst hat immer schon versucht, Grenzen zu überschreiten." Der Professor hatte es nun geschafft - was für eine dramaturgische Voreiligkeit, was wird passieren bei der virtuellen Schießerei auf die Flüchtlinge, was, das es rechtfertigt, ein solches Spiel mit dem Hinweis auf die Freiheit der Kunst zu verteidigen? Ich stellte mir alles Mögliche vor, aber was ich mir nicht vorstellte, das war nun dies mit den paar Wurstblättchen mehr bzw. paar Ermordeten weniger: "Als Grenzsoldat können sie dann wählen, ob sie den Flüchtling verhaften, mit ihm fliehen oder auf ihn schießen." Aha, immerhin gibt es andere Möglichkeiten für die Spieler, als bloß sinnlos herumzuballern und Menschen abzuknallen - zwar wird nirgends näher ausgeführt, welche Folgen es hat, wenn sich ein Grenzsoldat für eine dieser vergleichsweisen humanen Alternativen entscheidet, allerdings erfahren wir dafür, was passiert, wenn ein Grenzsoldat einmal zuviel schießt - einmal zuviel, das ist nach der Logik dieses Spiels dann erreicht, wenn er den dritten Menschen auf dem Gewissen hat. Es wäre etwas anderes, wenn es hier um Völkerball ginge, oder um ein Spiel bei dem geometrische Figuren aus der Luft heruntergeschossen werden sollen oder dergleichen, aber hier wird eine reales historisches Szenario nachgestellt und die, auf die geschossen wird, sind keine geometrischen Figuren, sondern erkennbar menschliche Wesen. Auf die darf nicht geschossen werden, gar nicht, wenns nach schnöden Kriterien wie z.B. den Menschenrechten geht, zumindest aber nicht "unverhältnismäßig oft" - was impliziert, dass es auch ein verhältnismäßig zulässiges Abknallen gibt, allzhu auffällig darfs der Schießende halt nicht treiben - aber bei nur zwei Leichen passiert erstmal gar nichts. Was schon Tragisch genug ist. Aber dann ereilt den, der gewissenlos einen Schießbefehl ausführt - bzw. im virtuellen Spiel nicht einmal das, denn er hat ja noch 2 Alternativen im Spiel (von der das Spiel gar nicht erst zu spielen oder abzuschalten mal ganz abgesehen) die Strafe für sein Vergehen - er wird, und das sogar per Zeitreise! - vor ein Gericht gestellt. 3 unschuldige virtuelle Menschenleben hat er auf dem Gewissen zu diesem Zeitpunkt. Nun wird es bestimmt, so erwartet man, irgendeine drastische Konsequenz geben - muss er virtuelle Sozialstunden bei hinterbliebenen Angehörigen leisten, Grabpflege oder dergleichen? Oder agiert das Spiel auf der Ebene Auge um Auge, Zahn um Zahn, und kommt der "brave" Grenzsoldat jetzt etwa selbst in den Knast? Eines muss man den Spieleerfindern lassen, sie haben sich eine ordentlich drakonische Maßnahme einfallen lassen, die deutlich vor Augen führt, wie naive Menschen wie ich in die dramaturgische Voreiligkeitsfalle hineinplumpsen und das Spiel von vornherein vorverurteilen, ohne die dramaturgische überraschende Wende und Pointe überhaupt zu kennen. Worin die drakonische Maßnahme nun eigentlich besteht? Darin: "Wer zuviel schießt, gewinnt nicht", das ist mal das erste - und es impliziert, dass es ein Maß an Schießen auf Unschuldige gibt, das nicht zuviel ist - wenn das die Freiheit der Kunst ist, dann bitte, begebe ich mich freiwillig ins kunstfreie Gefängnis! Aber den Clou hab ich noch gar nicht verraten, nur einfach nicht zu gewinnen, wäre ja in der Tat eine ein bisschen dürftige Sanktion, daher gibt es noch eine drastische Verschärfung: der, der zuviel geschossen hat, muss sein Vergehen bitter büßen: Gleich mehrere Minuten (!!!) muss er aussetzen, was wirklich an Furchtbarkeit und Gemeinheit nicht mehr zu toppen ist. Immerhin fördert das Spiel die Gesundheit und soziale Kontakte - davor hängenzubleiben und vor dem Monitor zu krepieren, wie es in Japan oder China bei jungen Männern scon vorgekommen ist, wird diesen Spielern nicht so leicht passieren, sie werden auch locker ihre Klopausen unterbringen können, und am Handy zwischendurch Witze reißen - darüber, dass sie grad "einen zuviel" abgeknallt haben und jetzt Pause haben, Abknallpause, bevor sie sich wieder zwei "genehmigen können". In dem Zusammenhang empfiehlt es sich, Joachim Bauers Buch "Warum ich fühle, was du fühlst" zu lesen, in dem die Bedeutung und die Wirkungsweise von Spiegelneuronen beschrieben wird. Spätestens dann versteht man, warum das hier nicht nur pietätlos den Angehörigen der Opfer gegenüber, sondern auch alles andere als ein harmloses Kinderspiel ist. Ach ja, der Entwickler behauptet Letzteres ja gar nicht, ganz im Gegenteil: Er zählt sein Spiel zu den ernsthaften Spielen, die auch zum Nachdenken anregen.


Liebe Grüße,

Elisabeth




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